Drama in der Tiefsee

Der Klimawandel sorgt für eine Erwärmung und Versauerung der Meere. Das dürfte verheerende Folgen für das Ökosystem haben wie ein Schrumpfen der Artenvielfalt haben. Erste Spuren dieser Veränderungen haben Forscher sogar in 5000m Tiefe gefunden.

Stierkopfhaie sind träge, dösen faul in Höhlen von Riffen und knacken, wenn sie Hunger haben, nachst ein paar Seeigel. Doch ihr geruhsames Leben könnte bald aus den Fugen geraten – und damit ein ganzes Ökosystem. Das zumindest glaubt Ivan Nagelkerken von der University of Adelhaide. Wenn nämlich die Wassertemperaturen der Ozeane nur ein wenig steigern, dann verbrauchen diese Haie mehr Energie. Sie werden hungriger. Durch den Klimawandel sinkt aber auch der Ph-Wert des Wassers.

Ändert ein Räuber sein Verhalten, gerät ein Nahrungsnetz aus dem Gleichgewicht.

Das ist fatal für die Haie: Saures Wasser stört ihren Orientierungssinn. Die hungrigen Haie können Seeigel kaum noch orten. Nagelkerken und seine Kollegen haben das in Versuchen herausgefunden, die sie mit den Haien in großen Becken durchgeführt haben. Sie haben Temperatur und pH-Wert des Wassers langsam verändert – und das Verhalten der Fische beobachtet. Hungrige Haie können dem Riff schaden: wichtige Tierarten würden gefressen, Seeigel könnten sich stärker vermehren und am Riff nagen. So ist es immer: Ändert ein Räuber sein Verhalten, gerät ein Nahrungsnetz aus dem Gleichgewicht.

Die Weiten der Ozeane sind noch viel zu unerforscht.

Wie die Meereserwärmung und –versauerung Haie beeinträchtigt kann man sich noch nicht vorstellen. Doch wie ein ganzes Ökosystem geschädigt wird, wenn die Meere immer wärmer und saurer werden – das ist derzeit unüberschaubar. Die Weiten der Ozeane sind noch viel zu unerforscht. Nur langsam wird klar, wie kritisch vor allem schnelle physikalische und chemische Änderungen sind und dass wichtige Lebewesen Zeit brauchen, um sich anzupassen.

Effektiver Schutz ist aber nur dann möglich, wenn man genau weiß, was geschützt werden soll.

Je schneller der Mensch den Klimawandel vorantreibt, umso schlimmer ist das für Organismen in den Ozeanen. Nicht nur für sie sind die Folgen kaum abschätzbar. Auch den Menschen selbst trifft es, wenn die Ökosysteme der Meere aus dem Gleichgewicht geraten. Deshalb bemühen sich internationale Wissenschaftler und Politiker um eine bessere Klimapolitik. Auf Klimakonferenzen wie in den kommenden Wochen in Paris sollen internationale Schutzabkommen getroffen werden. Effektiver Schutz ist aber nur dann möglich, wenn man genau weiß, was geschützt werden soll.

In Klimadimensionen ist das ein Wimpernschlag.

Daran krankt die Meeresforschung. Über die Tiefsee beispielsweise, eine wichtige Komponente im Klimageschehen, ist kaum etwas bekannt. Die ältesten Langzeitstudien ais diesen Regionen, Hot-Studienördlich von Hawajj und die Bat-Studie in der Sargassosee, laufen noch nicht einmal 30 Jahre. In Klimadimensionen ist das ein Wimpernschlag.

Man weiß, um die wichtige Rolle, die die tiefen Meeresregionen im Klimageschehen spielen. Sie nehmen viel Kohlenstoff, der bei diversen Verbrennungsprozessen entsteht, aus der Atmosphäre auf – und werden dadurch saurer. Man weiß auch, dass durch die Erwärmung des Wassers das Eis an den Polen schmilzt – und der Meeresspiegel steigt.

Wissenschaftler müssen oft auf Glück und Zufälle hoffen, um etwas mehr über das Geschehen im Wasser zu erfahren.

Auch die physikalische und chemische Vermessung der Meere kommt langsam in Gang, neue Geräte und Modelle werden entwickelt und getestet. Was genau passiert, wie viel Kohlendioxid die Weltmeere vertragen, wie schnell und wie viel der Meeresspiegel steigt, wie Küsten sich verändern werden und ob Lebensgemeinschaften und Ökosysteme sich anpassen können – das weiß allerdings bislang niemand genau.

Nur so können große Folgeschäden vermieden werden. Bisher sind die Weltmeere eine Blackbox.

Häufig müssen sich Wissenschaftler auf grobe Modelle verlassen, die sie anhand von komplizierten Experimenten zu verbessern versuchen. Oder sie müssen auf Glück und Zufälle hoffen, um etwas mehr über das Geschehen im Wasser zu erfahren. Doch man muss mehr darüber wissen, was in den Meeren passiert. Nur so können große Folgeschäden vermieden werden. Bisher sind die Weltmeere eine Blackbox.

Zu erst erschienen in Welt am Sonntag, von Pia Heinemann, gekürzt