Die Zukunft hat schon begonnen

Frei Otto – Die letzten Interviews, geführt von Prof. Dr. sc. techn. Reinhard Erfurth,illustriert mit Bildern und Beschreibungen aus einem Vortrag von Dipl.-Ing. Architektin Christine Otto-Kanstinger

Auszüge aus dem Buch "FREI OTTO. Die Zukunft hat schon begonnen. Visionen eines großen Architekten. Aufgezeichnete Gespräche zwischen Frei Otto und Prof. Reinhard Erfurth.", herausgegeben vom Industrieverein Sachsen 1828 e. V. in Zusammenarbeit mit dem Chemnitzer Verlag.

Mit den folgenden drei Denk-Beiträgen des sächsischen PRITZKER PRIZE und IMPERIAL Preisträgers, des Architekten und Ingenieurs Frei Otto zur Rolle der Mobilität in der Zukunft, stellen wir einen visionären Impuls vor. Es handelt sich dabei um Auszüge seines letzten Interviews mit seinem Freund und Ingenieurkollegen Prof. Reinhard Erfurth. Zusammen mit Texten der Tochter Frei Ottos, Christine Otto-Kanstinger, wurden diese Interviews in dem Buch „FREI Otto - Die Zukunft hat schon begonnen. Visionen eines großen Architekten“ publiziert. Dieses Buch ist eine Empfehlung an Zukunftsdenker. Als Architekt und Ingenieur eröffnet Frei Otto Gedankengänge, die unser Bewusstsein für Komplexität schärfen.

Text: Frei Otto (im Gespräch)
kursiv: Christine Otto-Kanstinger (Auszüge aus einem Vortrag)

Die Zukunft ist beweglich und muss beweglich sein. Jede Stabilität behindert Veränderungen, die für eine neue Zukunft notwendig sind. Es wurden Gedankenspiele gemacht, wie weit eine Mobilität wirklich in die Zukunft führen kann und inwieweit eine Stadt, wenn sie wie bisher weiter gebaut wird, mobil sein kann. Eines war klar, dass dabei einerseits der Baustoff eine große Rolle spielt und andererseits mit der Mobilität das Thema Anpassungsfähigkeit hochgehalten wird.

Wenn eine Architektur einer sich verändernden Gesellschaft eine Heimat geben soll, müssen sich auch die Bauten verändern und zwar unter der Prämisse, dass die Gesellschaft den Ton angibt und nicht die Bauten. Die Gesellschaft macht die Architektur. Also ist klar, dass der Baustoff keine Einengung der Formen vorschreiben darf, sondern eher eine Formfreiheit benötigt. Neben der Lehmarchitektur, die selbst nicht für die Mobilität geeignet, aber in sich selbst durch ihre Herstellung mobil ist, geriet andere Architektur in den Blick, mit der ich mich selber sehr intensiv beschäftigen konnte, wobei Zufälle eine Rolle spielten, nämlich die textile Architektur.

Zu den Behausungen, die der Mensch braucht, gehören Kleidung und Haus. Beide sind sehr ähnlich. Es gibt Kleidungen, die praktisch Haus sind und umgekehrt. Man denke nur an einen Expeditionsschlafsack, der eigentlich nichts anderes ist als ein flexibles Haus, das leicht mit sich herumgetragen werden kann. Die Jurte wurde interessant als mobiles Haus. Im Zuge der Weiterverbreitung von Mobilität und des damit verbundenen Automobils ist es der Wohnwagen, der alte Zirkuswohnwagen, der ja auch mindestens 300 Jahre alt ist, ein Wagen mit vier Rädern, von Pferden gezogen und heute von Pferdestärken angetrieben. Als mobiles Haus ist er oft nicht nur mobil, sondern auch anpassungsfähig mit Fenstern, die sich selbst verändern können usw.

Und schon sind wir mitten in dem, was es bedeutet zu sagen, dass die Architektur eine völlig neue Orientierung hat und sich damit der Diskussion stellt zur alten Auseinandersetzung zwischen den Richtungen, zwischen der sogenannten Moderne und dem Bestreben, dass jeder Mensch sich in seinem Haus dauerhaft die kurze Zeit seines Lebens verlängern möchte. Diese Auseinandersetzung war noch im vollen Gange, obgleich mit der mobilen Architektur die Zukunft – oder eine der Zukünfte der Architektur – eigentlich schon da war. Das Wort von Robert Jung hatte sich erfüllt. Die moderne Architektur war da, sie war mobil, sie sah völlig anders aus und war vielleicht alles andere als das, was sich die Menschen vorstellen konnten. Das heißt, die Zukunft ist schon da, die Wahrnehmung hält sich jedoch in Grenzen, das Voraussagbare nimmt allerdings von Tag zu Tag immer schärfere Konturen an.

Wie finden wir nun aber die sinnvollste Form? Es gibt physikalische Prozesse, bei denen sich Formen von selbst bilden. Als formbildende Kräfte wirken zum Beispiel die Oberflächenspannung, Adhäsionskräfte, magnetische oder elektrostatische Kräfte, Druckdifferenzen oder die Erdanziehung.

WEGENETZ

Ich denke jetzt natürlich an ein sehr bekanntes Wegenetz: das Spinnennetz. Wenn eine Spinne – sie macht es meistens ohne zu sehen – in der Dunkelheit der Nacht ein Netz spinnt, dann ist dieses Netz identisch mit einem Wegenetz. Die Spinne spinnt mit ihrem Hinterleib immer, wie sie gelaufen ist, die Wege sind in diesem Netz dokumentiert, weil einfach der Faden, den sie macht, vorhanden ist. Das ist dann das Spinnennetz. Dass ein Spinnennetz schön ist, ist eigentlich eine Nebensache. Die wenigsten Spinnen können ihre eigenen Netze sehen, haben nicht die Augen, um sie zu sehen. Sie können sie erfühlen, aber sie können diese Netze benutzen, um Nahrung zu sammeln, das heißt sie brauchen sie, um zu existieren.

Der Mensch kennt inzwischen auch spinnenartige Systeme, zum Beispiel um Vögel in der Luft und Fische im Wasser zu fangen, die künstlich gemacht sind, die eigentlich auch Wegenetze sind. Die so dokumentierten Wegenetze gehören natürlich ganz deutlich auch zu unseren Bereichen. Zu den Bereichen, mit denen Bauten gemacht werden, auch die Architektur ist als ein solcher Bereich anzusehen, wo Entstehungsfunktionalität sich über Wegenetze abbildet.

Nun, der Mensch hat die Spinnennetze nicht nachgemacht, um Fische zu fangen, sondern die Fischernetze sind von selbst entwickelt worden auf völlig anderem Weg. Die Entwicklung von Fäden hat natürlich eine Beziehung zur Spinne, man nennt sie auch manchmal spinnen. Das heißt, das Produkt ist miteinander vergleichbar, es ist letztlich dasselbe technische Produkt, das ist äußerst wichtig.

Zurück zum Wegesystem. Wir können es messen. Es gibt typische Formen und Eigenschaften, die es ja nicht nur in der Ebene gibt. Wenn man die Ebene größer denkt, ist jede Ebene eine Kugel. Schon bei Wegenetzen von 1000 Quadratmetern hat ein Geodät es mit der Kugel zu tun, nämlich mit jener Abweichung aus der Ebene, weil alle Maße auf der Erde sich auf die Wasseroberfläche der Erdoberfläche beziehen. Das sind ganz bestimmte Eigenschaften. Der am meisten vorhandene Winkel ist der 120-Grad-Winkel. Ich habe das schon einmal gesagt, der stabile Winkel ist der 120-Grad-Winkel und der rechte Winkel ist der instabile, der wandern will. Das heißt allein an der Form eines Wegenetzes – gleichgültig ob eine Raupe, eine Spinne, ein Mensch dieses Wegenetz gemacht hat – kann man das System erkennen. Fast alle Wegenetze von Mensch und Tier haben ähnliche Formen und sind auch ähnlich anwendbar und wenn man so will, vom Menschen nutzbar, entweder direkt als Gegenstand, um irgendein Tier zu fangen oder aber technisch nutzbar als Denkmodell. Damit haben wir schon den ersten Einstieg in ein großes Gebiet, das zur Baukunst gehört, das sowohl Kunst ist als auch Technik, nämlich die Baukunst der Wegesysteme.“

Ein ähnliches Modell räumlicher Art fehlt uns noch. Wir haben dazu Versuche mit Sand gemacht, denn Sand besteht aus kleinen runden Elementen, die lose aufeinanderliegen. In einen Holzring mit schräger Böschung haben wir Sand gefüllt und verdichtet. Dann haben wir die Unterlage vorsichtig nach unten abgesenkt. Und siehe da, von der Unterseite erkennt man, dass hier ein echtes Gewölbe mit einer mittleren Aussparung von selbst entstanden ist. Weil der Sand keine Zugkräfte übertragen kann, wissen wir, dass hier nur Druckkräfte herrschen.

Fazit

Kommen wir wieder zurück zu den Inhalten. Zu den Inhalten, denen wir uns gemeinsam, lieber Reinhard, noch zuwenden sollten, das musst Du mir versprechen:

  • Wie können wir die Gesellschaft und mit welchen Maßnahmen unterstützen, um einen Weg zu finden gegen die Katastrophen oder Teilkatastrophen, von Natur oder Mensch gemacht?• Wie können wir Biologie begreifen und entschlüsseln, dem Zufall dabei Raum gebend, um Unvorhersehbares in die Nähe von „vorbereitet sein auf alle Möglichkeiten“ zu bringen?
  • Wie können wir der Wichtigkeit im Spannungsfeld der geschichtlich gewachsenen Ressource dem Wissen und dem existenziellen … Handeln über längere Zeit mehr Bedeutung zukommen lassen?
  • Wie wollen wir mit unseren Städten – das Einzige, was wir haben – im Zuge rasanter Urbanisierung und in Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen umgehen? Das grüne Jahrhundert liegt in den Städten der Nachhaltigkeit. Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, … dass die Städte das reale Bild der jeweiligen Gesellschaft abbilden. Hier begegnen sich Zukunft und Vergangenheit.

Versuchen wir zusammenzufassen und beenden damit unsere Interviews.
Sagen wir es einmal so – mit Bezug zum Eingangstitel: Architektur – für was?

  • Die Zukunft und damit die Architektur ist mobil. Es geht um Anpassungsfähigkeit, es geht um die Einbindung des Zufalls, es geht … um Wissende und Werkende ebenso wie um Fähigkeiten und Fertigkeiten, es geht um eine moderne Sachlichkeit – denkfrisch und … handlungssicher. Es geht um die Verabschiedung von Überflüssigem, um Komplexitätsreduzierung.
  • Es gibt keine Rezepte für die Zukunft. Aber es gibt, wie vorn genannt, Notwendigkeiten zum Handeln. Und das sind keine politischen Themen, sondern das sind Sachthemen, in denen wir uns wiederfinden sollten – wir gemeinsam, um die Welt in die Nähe der Möglichkeiten von Reaktionsstrategien zu bringen.

Zum Schluss sagen wir einmal ganz mutig: Die Türen stehen offen für die neue Zukunft – die schon, insbesondere in Chemnitz, begonnen hat – und damit für einen neuen Dialog mit der Gesellschaft. Führen wir den Dialog im Schoß der Zukunft und nicht im Schatten der Vergangenheit.

Beim Experimentieren mit Selbstbildungsprozessen wird man immer wieder feststellen, dass so gefundene Formen Ähnlichkeiten zu solchen in der lebenden oder nicht lebenden Natur aufweisen.

Veröffentlicht mir Freundlicher Genehmigung des Herausgebers und den Autoren Reinhardt Erfurth, Christine Otto-Kanstinger
ISBN – 9 783944 509372

Herausgeber: Industrieverein Sachsen 1828 e. V. in Zusammenarbeit mit dem Chemnitzer Verlag
Text: Reinhard Erfurth, Christine Otto-Kanstinger
Redaktion: DR. STERNKOPF media group, Viola Rott und Katrin Hoffmann vom Industrieverein Sachsen 1828 e. V.
Gestaltung, Layout: Isabell Wolf, DR. STERNKOPF media group
Lektorat: Dr. Sylva-Michèle Sternkopf, Matthias Zwarg
Übersetzung: DR. STERNKOPF media group
Vertrieb: Chemnitzer Verlag
Gesamtherstellung: Westermann Druck Zwickau GmbH
1. Auflage, 2017